Vom Liebeshauch zum knallenden Tutti


Bombastische "Carmina Burana" mit 300 Musikern und Sängern auf der Bühne

Vom Liebeshauch zum knallenden Tutti Bombastische "Carmina Burana" mit 300 Musikern und Sängern auf der Bühne Ein 110-jähriges Vereinsbestehen ist wahrlich ein Anlass zum Feiern. Und wenn ein Gesangverein, der schon seit elf Jahrzehnten überragende Erfolge zu verbuchen weiß, nach einer zum Anlass passenden musikalischen Darstellungsform sucht, dann darf er schon in die obere Schublade der großen Oratorien greifen, um Passendes zu finden. Carl Orffs "Carmina Burana" bietet sich hier gleichsam an, ist doch das Werk für einen guten Chor und seinen Dirigenten geradezu eine Herausforderung, zumal Chorleiter Richard Trares zeitgleich sein silbernes Chorleiterjubiläum beim "Frohsinn" Kirrlach begehen kann.

"Weltliche Gesänge für Soli, Chor und Orchester" nennt der Komponist im Untertitel seine Komposition, die zu den bedeutendsten Werken des 20. Jahrhunderts gehört und die Vertonung lateinischer und deutscher Vagantenlieder des Mittelalters zum Inhalt hat, entnommen der Benediktbeurer Liederhandschaft, Texte - zart und derb, innig und ausgelassen. Vokales und Instrumentales vereinigen sich zu einem gewaltigen, unmittelbar packenden Werk voller Vitalität, unverwechselbarer Stilistik und einmaliger Tonsprache. Das ewig sich drehende Rad der Glücksgöttin Fortuna umschreibt in drei Teilen magische Bilder, die nach dem gewaltigen Anfangschor, der als Schlusschor wiederkehrt, zunächst eine Idylle voller Natur- und Liebesfreude darstellt, dann ein Lob des Essens und Trinkens, sich bis zur Sauf- und Fressgier steigernd, und schließlich wird in hymnischer Verehrung der Triumph von Amor und Eros in einem unverblümten Liebestaumel gefeiert. Musikalisch vollzieht sich dies in einer Vielfalt von klanglicher, dynamischer, melodischer und rhythmischer Erscheinungen in ausgeklügelten Kontrasten von schönen melodischen Eingebungen, teils mitreißenden, teils tänzerischen Rhythmen, und einer vom Liebeshauch bis zum knallenden Tutti reichenden Dynamik.

Der Gewaltigkeit des Werkes entsprach auch die Schar der Ausführenden: Die Chöre der Chorgemeinschaft Trares mit "Frohsinn" Kirrlach, "Frohsinn" Jockgrim und "Liederkranz" Trösel; die Kinderchöre aus Kirrlach (Patricia Voss), Jockgrim (Martina Preuß) und der Musik- und Singschule Waghäusel-Hambrücken (Markus Widdermann) sowie das in sinfonischer Besetzung aufspielende Orchester des Musikvereins Östringen (Markus Mauderer). Etwa 300 Mitwirkende füllten den Bühnenaufbau der Rheintalhalle und ließen die Zuhörer die Magie der ins Vielfache gesteigerten menschlichen Stimmen mit einer grandiosen Chorleistung erfahren. Das versprochene außergewöhnliche Konzerterlebnis hatte sich eingestellt. Großen Anteil an der als überragend zu nennenden Aufführung hatten auch die Solisten mit Patricia Voss, der die "Carmina" die eher lyrisch-leiseren Töne zuordnet, die sie mit ihrer schön geführten Sopranstimme zu einem innigen, gefühlsstarken Erlebnis werden ließ. Anders die Bariton-Soli: Hier ist Orff'sche Urwüchsigkeit gefordert, die Thomas Peter in einer facettenreichen Ausdeutung in Gesang umsetzte. Die Überraschung des Abends war sicherlich der noch Jugendliche Jascha Trares (Tenor), der in schwierigen Tonhöhen das Leiden des gebratenen Schwans zu einem überzeugenden, herzzerreißenden Klagelied erweckte.

Dem Orchesterpart ist die Aufgabe zugewiesen, in Begleitung und konzertantem Spiel einen sinnhaften und wesensgemäßen Klangraum zu schaffen, was die Musici meisterlich gelöst haben; in gleicher Weise wie die das Konzert einleitende viersätzige "Candide Suite" mit Leonard-Bernstein-Melodien, die mit ihren lyrischen und auch ausgeprägt rhythmischen Passagen die richtige Einstimmung in die Musik Orffs abgab. Dass das Engagement und die Begeisterung, mit der hier unter dem präzise geführten Dirigat von Richard Trares gesungen und musiziert wurde, auch das Publikum erfasst hat, bewies der langanhaltende, stehend applaudierte Beifall als Dank der begeisterten Zuhörer.

Rudolf Rolli (Mit freundlicher Genehmigung der BNN)


Carmina Burana 2008